Wir glauben, dass Gott jeden Menschen nach seinem Ebenbild erschaffen hat (Buch Genesis Kapitel 1 Vers 27). Jeder Mensch ist darum „Kind Gottes" und trägt eine unverlierbare Würde in sich — eine Würde, die niemand verleihen und niemand nehmen kann, weil sie nicht von Leistung, Herkunft, Religion, sozialem Status, sexueller Orientierung oder Kultur abhängt, sondern allein davon, dass Gott diesen Menschen gewollt und geliebt hat. Wo ein Mensch auf der Straße lebt, wo er krank ist und ihm jede Tür verschlossen bleibt, da ist diese Würde keineswegs erloschen.
In dieser jüdisch-christlichen Wertetradition stellen wir uns in den Dienst der Menschen, die auf der Straße leben oder die aufgrund einer fehlenden Krankenversicherung oder anderer Hindernisse keine medizinische Versorgung erhalten. Denn der Glaube an die Gottebenbildlichkeit des Menschen bleibt leer, wenn er nicht zur Tat wird.
Unser Vorbild ist der heilige Martin von Tours, der Patron unserer Pfarrei. Als junger Soldat begegnete er am Stadttor von Amiens einem frierenden Bettler, an dem alle anderen vorübergegangen waren. Martin fragte nicht nach Herkunft, Schuld oder Verdienst. Er sah die Not — und handelte: Mit dem Schwert teilte er seinen Mantel und gab dem Frierenden die Hälfte. In der folgenden Nacht, so berichtet die Überlieferung, erschien ihm Christus selbst, bekleidet mit eben diesem halben Mantel, und sprach: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan" (Matthäus-Evangelium Kapitel 25 Vers 40).
Martin wusste, was das Evangelium uns lehrt: Christus begegnet uns nicht zuerst im Glanz, sondern im Antlitz der Notleidenden. Wer sich den Armen zuwendet, wendet sich Christus selbst zu.
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber hat diese Wahrheit in dieses Satz gefasst: „Alles wirkliche Leben ist Begegnung." Buber unterscheidet zwei Grundhaltungen, in denen der Mensch der Welt gegenübertreten kann. Er kann den anderen als ein „Es" behandeln — als Objekt, als Fall, als Nummer, als Problem, das es zu verwalten gilt. Oder er kann ihm als einem „Du" begegnen: von Angesicht zu Angesicht, in echter Gegenwart, offen für das Geheimnis, das jeder Mensch ist. Erst in dieser Ich-Du-Beziehung, so Buber, wird der Mensch wirklich Mensch — und erst in ihr scheint etwas vom ewigen Du auf, von Gott selbst, der uns in jedem Du entgegenkommt.
Genau darum geht es uns. Wer auf der Straße lebt, wird oft nur noch als „Es" wahrgenommen: als Störung, als Aktenzeichen, als Statistik — oder er wird gar nicht mehr wahrgenommen. Die Pflasterstube will der Ort sein, an dem aus dem übersehenen „Es" wieder ein angesprochenes „Du" wird. Jede Sprechstunde, jede Wundversorgung, jedes gemeinsame Essen ist darum mehr als Hilfe — es ist Begegnung auf Augenhöhe. Wir geben nicht herab, wir teilen. Wie Martin seinen Mantel teilte, wollen wir teilen, was wir haben: unsere Zeit, unsere Fähigkeiten, unsere Aufmerksamkeit und unsere Zuwendung. Und wir wissen: In diesen Begegnungen empfangen wir selbst — denn im Du des Notleidenden begegnet uns das Du Gottes.
So verstehen wir die Pflasterstube: als einen Ort, an dem Menschen ohne Ansehen der Person angenommen werden. Ein Ort, an dem Würde nicht erst verdient werden muss, weil sie längst geschenkt ist. Ein Ort der Begegnung — und darum ein Ort wirklichen Lebens.